Liebe

04.11.2020


Jedes Jahr, wird ein Foto prämiert, das als «das Bild des Jahres» durch die Medien zieht.
Auffällig dabei ist, dass die aufgenommen Szenarien oft aus Kriegs- oder Elendsvierteln dieser Welt stammen. Abgebildet sind meist weinende oder hungernde Kinder, die hilflos ihrem grausigen Schicksal ausgeliefert sind. Eigentlich erschütternd, dass solche Aufnahmen in einer Rangliste erscheinen und dafür auch noch ausgezeichnet werden. Man könnte sagen, je beklemmender und bedrohlicher das Sujet, desto erfolgreicher...

Für mich wäre das Bild, wie ein kleines Mädchen sanft den Kopf eines Schafes küsst, einer Auszeichnung absolut und unbedingt würdiger.
Zeigt es doch den Moment der kostbaren und unverfälschten Liebe zweier reinen Wesen, die äusserlich betrachtet unterschiedlicher nicht sein könnten. Dennoch denken sie nicht darüber nach. Sie entdecken sich gerade in diesem Moment, in dem Zauber der Liebe und des stillen Miteinanders; nicht darüber spekulierend, ob es sich lohnt, dem anderen näher zu kommen. Da gibt es keine Beurteilung des Gegenübers, kein Misstrauen oder Bewertung. Alles fliesst in diesem Moment zusammen: Die Achtung, die Zuneigung, das Gewahrsein der Nähe und die wärmenden Gefühle füreinander - ohne Worte.

Beobachtet man dabei den Ausdruck des Tieres, so scheint es voller Hingabe und einem tiefen Verständnis für das Mädchen den Kopf zu diesem hinzuneigen. Die Reinheit und Achtung des Mädchens strahlt der fast vorsichtig aufgesetzte Kuss aus, der das Entzücken über diese Begegnung zum Ausdruck bringt.

Die Szene auf diesem Bild ist weit ab von unserem gelebten System und es hat mit der Verrohung unsere Gesellschaft nichts zu tun. Diese Begegnung findet auf Augenhöhe statt und zeigt, dass Kinder, solange sie noch in ihrer eigenen Spiritualität leben, Tiere als ihren ebenbürtigen Kameraden betrachten. Sie wünschen sich nichts mehr, als diesem Lebewesen einfach näher zu kommen, neugierig dessen Anderssein zu erkunden und am Ende Freunde zu werden.

In einem Beitrag über einen Lebenshof für Schweine, erzählte die Besitzerin, dass sie oft Kinder zu Besuch hätten. Sie erklärt den Kindern, woher die Schweine kommen und welches Unheil sie erleiden mussten. «Viele Kinder», so sagt sie, «brechen in Tränen aus, umarmen die Schweinchen und entschuldigen sich für all das Schlimme, das man ihnen angetan hat.»
Nur eine Erzählung genügt, um ein Kinderherz in die Schwingung des Mitgefühls zu bringen. Man braucht ihnen keine Videos von Tierquälerei zu zeigen und es gibt auch keine Argumentationen darüber, ob dies nun artgerecht war oder nicht. Einzig und allein die Nähe zum Tier und das Erkennen eines Unrechts reichen vollkommen aus, um nachvollziehen zu können, welche Qualen das andere Wesen hat durchleiden müssen.

In dem Bild vom Schaf und dem Mädchen ist der Moment einer zarten Annäherung eingefangen, die zeigt, wie sehr Mensch und Tier miteinander verbunden sind. Es braucht keine Worte, damit wir eine Atmosphäre der Liebe und des Angenommenseins erschaffen können. Die Sprache der Seelen, die im Einklang miteinander schwingen, macht uns zu allumfassenden Wesen - zu Liebenden.

Werdet wie die Kinder.


Text by: Bea Kälin