Brief an die Tiere

Geliebte Tiere,

Ich bitte euch nicht um Verzeihung, denn was wir euch antun ist unverzeihlich...

Über Jahrhunderte hinweg quälen wir euch; behandeln euch wie Abfallprodukte der Schöpfung. Wir sind Meister der Perfidie, wenn es darum geht euch zu erniedrigen, auszubeuten und zu vermarkten. In euren Augen müssen wir die Teufel in Person sein-, und das zurecht.

Eure Wehrlosigkeit, eure Sanftmut nutzen wir schamlos zu unseren Gunsten aus; rücksichtslos, gnadenlos, erbarmungslos. Egal wie sehr ihr schreit, in Qualen euch windet oder in dunkeln Käfigen den Wahnsinn durchlebt, wir machen weiter.
Diese Herzlosigkeit scheinen wir geradezu noch zu feiern, wenn wir uns eure toten Körperteile einverleiben. "Genuss" nennen wir das. Was für ein Hohn! Wir demütigen euch mit jeder Mahlzeit, wir verspotten euch mit jedem Bissen.

Wer sind wir bloss, dass wir sowas tun? Woher nehmen wir diese Arroganz, die Augen zu verschliessen vor euerem Leid, nur damit wir euch weiterhin bemächtigen und missbrauchen können? Es gibt keine rechtfertigende Antwort darauf!

Ihr schenkt uns so viel Freude mit eurer Schönheit, eurer Eleganz, eurer Kraft und eurem Mut uns immer wieder zu vertrauen. Es ist eine Ehre, dass ihr euch uns annähert, ja sogar mit uns ein Stück Lebensweg geht. Nicht einmal ansatzweise ist uns bewusst, welch ein Glück eure Zuwendung ist.
Ihr seid umso viel reicher in euren Herzen als wir; umso viel reiner in  euren Seelen als wir es je werden könnten.

Wir verdienen euch nicht; wir verdienen eure Liebe nicht.

Während ich diese Zeilen schreibe, schäme ich mich zutiefst. Es ist eine Scham, die schmerzt wie ein glühender Dolch in der Brust und die Ohnmacht, euch nicht befreien zu können, ist bodenlos.

Bis zu meinem letzten Atemzug werde ich für euch kämpfen, werde eure Stimme sein, denn ihr seid die Opfer einer Menschheit, die blind und taub geworden ist für das Wunder der Schöpfung, für das Geschenk, dass ihr hier mit uns auf der Erde seid.

Was wären wir ohne euch? Nichts.


Namasté, meine geliebten Tiere.


Text by Bea Kälin